Was wurde eigentlich aus dem Wasserstoff-Hype?
Vor ein paar Jahren klang es häufig so, als könnte Wasserstoff die Antwort auf viele Fragen sein. Inzwischen ist es ziemlich still geworden. Ein flächendeckendes Netz an Versorgungsleitungen ist nicht in Sicht – zu teuer, zu kompliziert. Anlagen, die mit Wassersoff Sonnenstrom speichern können? Fehlanzeige. Wobei: eine gibt’s. Eine einzige weit und breit.
Sie steht auf dem Gelände der Rottenburger Hochschule. Die Wissenschaftler haben sie gemeinsam mit Unternehmen entwickelt, gebaut und in Betrieb genommen. Nun kann man dort Strom, den man mit Photovoltaik erzeugt, umwandeln in Wasserstoff. Dieser Wasserstoff wird komprimiert, so dass man ihn in Tankflaschen speichern und lagern kann. In einem neuen Arbeitsschritt kann die Anlage aus Wasserstoff auch wieder Strom machen. Beide Prozesse erzeugen Wärme – die lässt man in Rottenburg nicht ungenutzt entweichen, sondern greift sie ab und speist sie in die Heizungsanlage der Hochschule mit ein. Das erhöht den Wirkungsgrad nochmal messbar.

Auf der dritten Station unserer Sommertour haben wir uns diese Anlage erklären lassen. Sie steht in einem blauen Container neben den Hochschulgebäuden. Wir fanden sie ziemlich beeindruckend, und eigentlich ist sie auch fit für Einsätze in der Praxis, sagen die Entwickler, Prof. Harald Thorwarth und Dr. Felix Endriss.
Woran es aktuell fehlt: einerseits weitere Fördergelder, um die Arbeiten abzuschließen und neue Forschungen darauf aufzubauen. Und andererseits ganz normale Kunden, die eine solche Anlage kaufen und als Insellösung bei sich betreiben wollen. Es wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, um die Forschung in der Praxis zu bringen, sie auch zu amortisieren, haben uns die Wissenschaftler gesagt.
Grundsätzlich sei es möglich, die Anlage rentabel zu betreiben – ob es im Einzelfall gelingt, dafür müsse man individuell betrachten, was es dort vor Ort noch gibt. Also welche Stromerzeuger, welche Wärmespeicher und welche Wärmenutzer. Vielleicht gibt es ja auch Nutzungen für den Wasserstoff oder auch für reinen Sauerstoff (denn der kommt aus dem „Auspuff“ der Anlage).
Das sind Themen, die ich gern mit nach Stuttgart nehme. Bei uns im idyllischen Rottenburg hat ein innovatives Team genau das geschafft, woran sich international etliche andere die Zähne ausgebissen haben: eine betriebsbereite Anlage zu bauen, die den Transfer von Strom zu Wasserstoff und zurück zu Strom schafft. Wärme-Erzeugung inklusive. Ich sehe es auch so wie Harald Thowarth: Wir werden in Zukunft nicht eine einzige Technologie haben, die überall passt. Sondern wir brauchen bis auf Weiteres einen intelligenten Mix aus Lösungen. Wir müssen alles, was wir schon haben, gut ineinander greifen lassen.

Für technisch Versierte hier noch ein paar Eckdaten: Herzstück der Wasserstoff-Anlage ist ein 100-kW-Elektrolyseur der Firma Handtmann in Ochsenhausen. Darin wird Strom zu H2 gewandelt und in Tankflaschen mit 35 bar gespeichert. Beim Rückverstromen kommt eine Brennstoffzelle zum Einsatz. Mit der Abwärme dieser Anlage kann man die Hochschule heizen, sie würde auch für etwa sechs Familien genügen.
Vielen Dank an die Hochschule Rottenburg!
Fotos: Team Lede Abal