Was der Klimawandel mit unseren Gewässern macht
Der Dienstagmorgen begann mit kalten Füßen. Allerdings nicht so kalt, wie sie hätten sein sollen: Bei der Sommertour haben wir uns mit der Gewässer-Expertin Sandra Bergmann vom Regierungspräsidium Tübingen verabredet – direkt in der Steinlach in der Tübinger Südstadt. Die Steinlach ist aktuell etwa acht bis zehn Grad wärmer, als sie sein sollte. Und das ist längst nicht ihr einziges Problem, erfuhren wir und einige Presseleute bei dem sehr informativen Termin.

Die letzten 100 Jahre haben unseren Gewässern nicht gut getan. Viele von ihnen wurden begradigt und eingesperrt. Man hat ihnen Land weggenommen und es überbaut, das gilt etwa für große Teile der Tübinger Südstadt. In solchen Betonrinnen haben Bäche keinerlei Anbindung mehr ans Grundwasser, auch die Verbindung mit den Grünstreifen drumherum ist nicht so, wie sie sein sollte. So weit, so schlecht.
Jetzt erleben wir immer öfter Starkregen. Davon sind diese Beton-Rinnen ähnlich schnell überfordert wie die Kanalisation. Also wurde an vielen Stellen technischer Hochwasserschutz gebaut.
Aber auch das geht eigentlich nicht weit genug, haben wir erfahren. Die Gewässer bräuchten eine Revitalisierung. Sie brauchen möglichst viel von dem zurück, was man ihnen genommen hat: Flussauen und wild bewachsene, Schatten spendende Ufer. Überschwemmbare Landstriche. Umliegende Landschaften, in denen Hecken und Bäume dazu beitragen, Wasser zu speichern. Erst mit solchen Puffern und Schwämmen wären Gewässer auch besser gewappnet gegen all das, was der Klimawandel verändert in ihrem Ökosystem. Und die Bäche merken nicht nur die immer heißeren und trockeneren Sommer, sie leiden mindestens so sehr auch unter trockenen Wintern, weil die Wasserspeicher sich nicht mehr so füllen wie all die Jahre zuvor.

Sandra Bergmann zeigte uns Lebensräume im Wasser und erklärte, wie wichtig es ist, dass Flüsse über lange Strecken durchgängig bleiben für Fische und andere Lebewesen. Dass es darin kühle Orte braucht und Bereiche zum Laichen. Sie erklärte auch, warum es bei großer Trockenheit einfach nicht mehr geht, dass Privatleute sich Wasser aus den Gewässern holen. Dieses Wasser fehlt einfach im System, einem System, das schon am Limit ist. So trocken wie jetzt war es noch nie seit Beginn der Aufzeichnungen, meldet das Niedrigwasser-Informationszentrum des Landes (NIZ). Und wenn jeder einzelne denkt, dass das Wasser für ihn und seine paar Gießkannen schon noch langt: Auch das summiert sich leider.

Nach dem sehr verbauten Abschnitt in Tübingen haben wir uns noch ein Stück Steinlach in der Dußlinger Gegend angeschaut, wo das Bächlein fast ungebändigt tut, was es will. Kurven verschieben und seinen Lauf jedes Jahr um ein paar Meter verändern, beispielsweise. Möglichst viele solcher Stellen braucht es. Wo es sie nicht gibt, muss man sie wieder herstellen. Und ja – solche Revitalisierungen lassen sich außerhalb der städtischen Bebauung einfacher realisieren. Das kostet Zeit, das kostet Geld. Aber das muss es uns wert sein. Besser, wir werden aktiv, bevor die Folgen noch härter für uns alle werden.
Fotos: Team Lede Abal